Aktuell
25. Mai 2013, um 15.00 Uhr
Ausstellungseröffnung
Mario Merz – Arnulf Rainer
Tiefe Weite [Fragmente]
Es folgt die wundervolle erste Zeile der Zueignung – der widmenden Reflexionen, die den abenteuerlichen, dunklen Faust-Komplex einleiten: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.“
Warum ich sie erwähne? Goethe komponierte das Gedicht im Sommer 1797 als Abschluss einer ersten Version der schwierigen Tragödie, die ihn immer wieder aufs Neue dreißig Jahre lang beschäftigt hatte. So können Formen und Figuren einen Künstler nicht loslassen. Eigene Empfindungen,
die offenbar in der Jugend Gültigkeit hatten (und mutig und impulsiv waren), beginnen nun, ins Blickfeld zu rücken. Mit der Zeit wirken sie unklarer als zuvor. Umrisse von Formen werden vage und beginnen zu schwanken. Wenn Sie dann nach Jahren an die Arbeit zurückkehren, wie Goethe bei Faust, sehen die Dinge merkwürdig und zweideutig aus. Auch die eigene Person hat sich verändert. Was KünstlerInnen erschaffen, bleibt jedoch für immer bei ihnen, in ihrem Geist. Der Öffentlichkeit mag ein viele Jahre umspannendes Oeuvre (wie im Fall von Mario Merz oder Arnulf Rainer) als klare Folge erscheinen, tatsächlich ist diese aber unterbrochen und unvorhersehbar. Der Geist des Künstlers befindet sich in nervöser Aufruhr. Formen und deren Kombinationen verändern sich in einer ständigen Metamorphose. Dies ist bei diesen Meistern umso mehr der Fall.
Beide Künstler traten in den fünfziger Jahren hervor, in dem weiten und tiefgründigen Feld der suggestiv als Informel bezeichneten Kunstrichtung. Bei der documenta von 1982 teilten sie sich einen Raum, und dies nicht aus Zufall. Wir spürten eine starke spirituelle Verwandtschaft in der Art, wie sie Formen aus grundlegend flüchtigen, fließenden Strukturen und Farben zum Vorschein brachten, wie Treibgut, das auf einem unbändigen Fluss driftet. In ihrem wechselhaften Werk sind alle Gestaltungen von Natur aus unvollständig und fragmentarisch. Die kleine Ausstellung, behutsam wie Kammermusik, wurde mit dieser Magie im Hinterkopf zusammengestellt.
Rudi Fuchs (Kurator)